Der Jobiwa Wald

Wochenlang hat sich die Expedition in der quirligen Hafenstadt Zifasha vorbereitet. Es wurden Boote gemietet, Führer angeworben, Vorräte und Heilmittel gekauft und immer wieder übten die Teilnehmer auf den kleinen Flüssen und Kanälen der Umgebung den Umgang mit den Einbäumen. Die Bevölkerung sah dem sonderbaren Treiben mit Belustigung zu. Immerhin wussten alle, dass man nicht weiter als ein oder zwei Tagesreisen in den Urwald hineingeht. Nur einige sehr wagemutige Edelsteinsuche oder verrückte Kräutersammler gingen weiter und Genügende von ihnen wurden nie wieder gesehen.

Doch die Teilnehmer der Expedition hatten die feste Absicht, den hier noch breiten und trägen Fluss Jandirna hinauf zu fahren, um den Dschungel zu erforschen. Und irgendwann war der Tag gekommen. Im Morgengrauen bevor es zu heiß wurde beluden sie insgesamt zehn große Einbäumen mit allem, was sie für eine monatelange Reise benötigten und brachen nach Norden auf.

Tagelang ruderten sie den Fluss hinauf, schlugen abends ihr Lager auf, sahen Tiere und Pflanzen, die wahrscheinlich nie ein Wesen vor ihnen zu Gesicht bekommen hatte. Die Bäume wurden höher, der Fluss wurde schmaler und immer häufiger versperrten umgestürzte Stämme den Flusslauf. Der Expeditionseilnehmer mussten die schweren Boote entladen, über Land an den Hindernissen vorbei tragen, wieder beladen und ihre Fahrt fortsetzen. Sie kam immer langsamer voran, bald mussten sie ihre Vorräte durch das Sammeln von Früchten und Jagd ergänzen, was sie wiederum langsamer machte, als sie geplant hatten.

Doch sie gab nicht auf. Zu faszinierend war die Welt, diese gerade entdeckten. Zu groß war das Verlangen, nach ihrer Rückkehr von all diesen Dingen zu erzählen.

Und dann sahen sie sie. Eine kleine Gruppe von sonderbaren, insektenartigen Wesen, die sie vom Ufer her beobachteten. Sie schien nicht aggressiv, sondern eher neugierig und intelligent, denn sie schien sich in einer fremdartigen Sprache zu unterhalten.

Immer wieder kam es in den nächsten Tagen zu flüchtigen Begegnungen. Der Forschergeist war geweckt. Langsam durch Zeichen und kleine Geschenke gewannen die beiden Seiten etwas Vertrauen zueinander und die Begegnungen wurden häufiger. Irgendwann vertraute man sich so sehr, dass die Forscher Zugang zu einem der Dörfer dieser Wesen erhielten. Sie lebten dort einige Monate, lernten ein wenig der Sprache dieser Wesen und bekamen als wohl erste Fremde einen Eindruck von deren Sitten und Gebräuche.

Tatsächlich schafften sie es nach Monaten, den Fluss wieder herab zu kommen und in der Stadt, in der schon niemand mehr an ihr Überleben geglaubt hatte, ihre Geschichte zu erzählen. Alle wollten von den spannenden Abenteuern im tiefen Dschungel hören. Doch mehr noch als alles andere waren die Leute fasziniert von der ganz neuen Rasse, von der die Reisenden zu erzählen hatten. Niemand hatte bisher von ihnen gehört und so schreibe ich euch hier auf, was sie zu erzählen wussten.

Nach wie vor bleibt es aber eine lange und beschwerliche Reise zu diesem Volk, sodass es wohl in absehbarer Zeit nur wenige andere geben wird, die dieses seltsame Volk mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen.

Die Hunfrirsi

Hunfrirs

Raub nicht ihre Larven
schlag nicht ihren Wald.

gegliederten Körper und riesige Augen,
gewaltige Kiefer und brausender Flug!

Wer kein Narr ist, der fürchtet
den Zorn der Hunfrirsi!

Allgemeiner Körperbau

Hunfrirsi (Einzahl Hunfirs) sind etwa menschengroße, aufrecht gehende, flugfähige Insektenwesen. Als Gliederfüßler besitzen sie zwei Armpaare und zwei Beinen. Ihr Körper ist viergliedrig: am Kopfteil sitzen seit ich zwei große Facettenaugen, ferner zwei ungefähr 1,30m langer Antennen, zwei kürzere Fühlerpaare, die Mundwerkzeuge und fünf nach vorne gerichtete Punktaugen. aus dem Bruststück entspringt das obere Armpaar. Das untere Armpaar und die beiden durchsichtigen Flügelpaare gehören zu den Bauchglied. Am Rumpfglied schließlich setzen die beiden Beine an.

Sämtliche Arme und Beine der Hunfrirsi setzen sich aus zwei röhrenförmigen Gliedern zusammen, mit einem Gelenkstück untereinander verbunden. Die vier Arme münden in einen Handstück, von dem sich jeweils sieben Finger zu je sechs Fingergliedern abzweigen. Keiner dieser Finger kann wie der menschliche Daumen gegen die anderen Finger greifen.

Die beiden Füße der Hunfrirsi werden von jemals drei Zehen gebildet, die im Flug scherenartig geschlossen werden können. Sämtliche Finger und Zehen besitzen an ihrer Spitze drei 2cm lange Krallen und auf ihre Unterseite vier Saugnäpfe. An jedem Fuß entspringen, zwischen den Zehen, zwei 40cm lange Fühler.

Wie alle Insekten besitzen die Hunfrirsi einen schillernden Chitinpanzer, meistens von dunkelbrauner bis schwarzer Farbe. Er verleiht ihren Körper als Außenskelett Form und Stabilität. Chitin ist ein ebenso festes wie elastisches Material, so dass der Panzer der Hunfrirsi einen hervorragenden Schutz darstellt.

Fortbewegung

Hunfrirsi gehen aufrecht auf ihrem Beinpaar, wobei sie ihre beiden Armpaar völlig unabhängig voneinander benutzen können, das heißt sie können etwa in einem Handgemenge einen Gegner im Nahkampf abwehren, indem sie in der linken oberen Hand einen Schild und in der Rechten ein Kurzschwert führenund zugleich mit dem unteren Armpaar einen Pfeil aus dem Köcher ziehen, einen Bogen anlegen und auf einen weiteren Feind schießen.

Die beiden Flügelpaare machen die Hunfrirsi zu äußerst gewandten und schnellen Fliegern. Deshalb sind sie im Flug nur äußerst schwer zu treffen. Sie schlagen ihre Flügelpaare wie alle Glasflügler abwechselnd, das heißt wenn das obere Flügelpaare gerade nach unten geschlagen ist, hat das untere seine oberster Stellung erreicht.

Hunfrirsi sind in der Lage, aufrecht, über Kopf, auf dem Rücken und in Bauchlage zu fliegen und reglos in der Luft zu verharren. Wenn sie schwere Lasten, zum Beispiel erlegte Jagdtiere, transportieren, fliegen sie meist in Aufrechterhaltung und greifen ihre Traglast mit den Füßen.

Die Saugnäpfe an ihren Fingern und Zehen ermöglichen es den Hunfrirsi, sich auch auf völlig glattem Untergrund sicher fort zu bewegen und ohne Hilfsmittel glatte Wände zu erklimmen. Da die Hunfrirsi mit ihren Saugnäpfe ihr eigenes Gewicht halten können, vermögen sie, sich an überhängenden Felsen und kopfüber an Decken zu bewegen. Diese Fähigkeiten werden oft und zutreffend mit der Kunst vieler Diebe verglichen, wie eine Spinne wände zu erklimmen. Hunfrirsi können auch Aufschlägen und an Decken landen. Freilich hängt es von der Geschicklichkeit des einzelnen Hunfrirs ab, ob er dabei abrutscht oder sicheren Halt findet.

Sinnesorgane

Die beiden großen Facettenaugen der Hunfrirsi liegen seitlich am Kopf, so dass sie ein sehr weites, fast rund um reichendes Gesichtsfeld haben. Sie nehmen außerdem normalen Sonnenspektrum ultraviolettes Licht war. Da sich ihre Blickfelder nicht überschneiden, können die Hunfrirsi seitlich und nach hinten nur zweidimensionale sehen.

Die fünf Punktaugen auf der Stirn sind nach vorn gerichtet. Mit ihnen kann der Hunfrirs hervorragend Entfernungen schätzen, für ein flugfähige Wesen eine lebensnotwendige Fähigkeit, welche die Hunfrirsi zugleich zu außergewöhnlichen Bogenschützen macht. Die Punktaugen sehen sowohl im normalen Sonnenspektrum als auch im Infrarotbereich, so dass die Hunfrirsi auch bei völliger Dunkelheit circa zwanzig Meter weit scharf sehen können.

Von großer Bedeutung für die Hunfrirsi ist ihr Geruchssinn. Die Sinneszellen befinden sich an der Spitze der beiden langen Antennen. Begegnet ein Hunfrirs einem Fremden, wird er nach einer kurzen Begrüßung vorsichtig mit den langen Fühlern abgetastet. Der Hunfrirs beriecht dabei seinen Gegenüber genau. Einige Drüsen an den Gelenken zwischen den Körpersegmenten sondern Duftstoffe ab, die einem Hunfrirs verraten, ob der andere besorgt, unsicher, eingeschüchtert, selbstbewusst oder aggressiv ist.

Die vier weiteren Fühler am Kopf dienen zum Tasten und Schmecken, ebenso die beiden Fühler an jedem Bein. Hunfrirsi pflegen ihre Nahrung mit den unteren Gesichtsantennen ausführlich zu betasten, um Konsistenz und Geschmack festzustellen. Über alle an ihrem Körper tragen die Hunfrirsi eine Sinneshärchen. Sie geben ihnen Temperaturempfinden und Tastsinn.

Entwicklung und Lebenserwartung

Fünf Wochen nach dem Legen schlüpfen die Hunfrirsi. Ihre Eier sind etwa 30cm lang, spindelförmig und von blass gelber bis weißer Farbe. Die Larven sind weißlich durchscheinend. Ihre vier Körperglieder sind schon voll ausgebildet, die Gliedmaßen sind dagegen erst als unbewegliche Anlagen zu erkennen. Die Punktaugen haben sich noch nicht gebildet, die Facettenaugen sitzen ist noch mit einer trüben, weißen Haut überzogen. Das Chitin der Mundwerkzeugen ist noch nicht erhärtet, so dass die Larven keine feste Nahrung zu sich nehmen können. Sie werden mit und aufgeweicht Fleisch gefüttert. Dieses frühe Larvenstadium nennen die Hunfrirsi in ihrer Sprache „Bnmlgrt“. So wird sowohl dieser Abschnitt der frühsten Jugend als auch die Larve selbst bezeichnet.

Nach zwei Jahren bekommt die Larve er ihre endgültige meist braune bis schwarze Körperfarbe und die weiße Haut über den Facettenaugen fällt ab. Die Mundwerkzeugen sind nun voll ausgebildet, so dass die Larven mit und verkleinertem Fleisch versorgt werden können. In dieser Phase ihrer Entwicklung lernt die „Gnmbkg“, wie die Hunfrirsi die Larve nennen, zu sprechen. Nach etwa drei Monaten verpuppt sich die Gnmbhg, in dem ihre Gelenkdrüsen ein zähe, gelbliche Flüssigkeit absondern, die an der Luft erstarrt.

Nach sieben Wochen durchbeißen die Hunfrirsi ihren Kokon und entfalten sich zu ihrer vollen Größe. Sie sind jetzt „Knrrkglgu“ (Einzahl: Knrrglkogn). Jüngling ist dafür wohl die beste Übersetzung. Sobald sie ein Alter von 80 Jahren erreicht haben, gelten die Hunfrirsi als erwachsen. Im Schnitt werden die beiden Geschlechter ungefähr 450 Jahre alt. Einziges sichtbares Zeichen des Alterns ist der Verlust der Flugfähigkeit bei den meisten Hunfrirsi, die älter als 440 Jahre warten. Ihnen fehlt schließlich die Kraft, um das eigene Gewicht in die Luft zu leben. So etwas wie einen senilen Hunfrirs gibt es dagegen nicht.

Wohnung und Lebensweise

Hunfrirsi errichten in den Kronen großer Bäume steht der aus einer papierähnlichen Masse von zerkauten Ästen. Diese steht haben die Form riesiger Wespennester. Sie hängen an einer Art Stil an einem starken Ast. Dass Einflugloch liegt unten. Die einzelnen Wohnungen sind wabenförmig. Sie sind um einen hängenden Stützpfeiler angeordnet, der aus dem Stil des Nests heraus wächst und 3m über der Einflugöffnung endet. Der kugelförmigen Bau hat einen Durchmesser von 30m. In einer durchschnittlichen Stadt leben etwa 600 Hunfrirsi.

Die Städte sind selbstständige, monarchisch regierte Stadtstaaten. Ihre Bewohner sind dem jeweiligen Herrscher bedingungslos ergeben. Etwa die Hälfte aller Hunfrirsi einer Stadt sind Jäger. Sie versorgen die Gemeinschaft mit Nahrung und sammeln Äste und Zweige, die sich leicht für Ausbesserungsarbeiten zerkauen lassen. Ungefähr ein Viertel der Einwohnerschaft besteht aus Handwerkern und Händlern. Die Hunfrirsi fertigen hervorragende Bögen, Speere und Schilde. Allerdings bestehen ihre Waffen nicht aus verhüttetem Metall sondern aus gehämmert Erz, da es sich bei der Bauweise ihrer Städte verbietet, dort eine Schmiede oder gar einen Hochofen zu betreiben.

Die Hunfrirsi sind tapfere Krieger und gefährliche Gegner. Jede Stadt der Hunfrirsi unterhält eine gut ausgebildete Garde von Wachsoldaten, die das Einflugloch bewachen und in der näheren Umgebung der Stadt patrouillieren, um Überraschungsangriffen vorzubeugen. In jedem Hunfrirsi-Staat gibt es ein stehendes Heer von etwa 70 Soldaten. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Wachen anderer Stege im Kampf gegen Eindringlinge wie zum Beispiel Baumfällern beizustehen. Obwohl es hin und wieder zwischen rivalisierenden Städten der Hunfrirsi zu blutigen Auseinandersetzungen kommt, sind regelrechte Kriege untereinander sehr selten. Die Soldaten haben in ihrem Staat zugleich polizeiliche Funktion.

Wann immer die Einwohnerschaft einer Stadt die Grenze von 800 überschreitet, brechen mehrere junge Hunfrirsi auf, um in der Ferne nach einem geeigneten Ort für eine Tochterstadt zu suchen. Ist einmal ein geeigneter Baum gefunden, verlässt die Hälfte der Einwohner die alte Stadt und errichtet an den ausgewählten Ort eine neue Stadt. Ein schon vorher von dem Regenten bestimmter Hunfrirs wird dort in einer feierlichen Zeremonie als König eingesetzt. Meist ist es der älteste Sohn des Herrschers. Anschließend sagt sich die neue Stadt von der Alten los und wird ebenfalls zu einem monarchischen Stadtstaat.

Der Kundschafter, der den neu bezogenen Baum ausfindig gemacht hat, übernimmt meist die Aufsicht über die Konstruktion der neuen Stadt. Alle ausgewanderten Hunfrirsi sammeln und zerkauen Holz, um die als Baumaterial benutzten Papiermasse herzustellen. An einem starken Ast wird zunächst der künftige Stil der Stadt gebaut, anschließend die Aufhängen für die Waben. Es folgen die Außenhülle und zuletzt die einzelnen Wohnungen. Jeder Hunfrirs baut dabei die Wohnung, die er später bewohnen wird. Es kam wiederholt vor, dass Kundschafter nach erfolgreicher Suche das unstete Leben eines Abenteurers zu schätzen gelernt hatten und sich Wesen anderer Rassen anschlossen, um mit ihnen Abenteuer und Gefahren zu bestehen.

Mythologie

Am Anfang, so lehrt der Sagenschatz der Hunfrirsi, war Grrrklkgz, der Weltgeist. Er verpuppte sich, und nachdem er geschlüpft war, wuchs aus der leeren Hülle seines Kokons die Welt. Die ersten Hunfrirsi wuchsen wie Bäume aus der Erde, daher ihre enge Verbundenheit mit den Bäumen. Grrrklgz besitzt einen Panzer von leuchtendem weiß. Deshalb gelten Albinos unter den Hunfrirsi als heilig. Sie sind zu großen Taten bestimmt und werden bevorzugt als Kundschafter ausgewählt.

Erstaunlicherweise kennen die Hunfrirsi keinen Tempeldienst und keine Priesterschaft. Auch beschäftigen sie sich praktisch gar nicht mit der Magie, so dass es von ein oder zwei sagenumwobenen Ausnahmen abgesehen noch nie einen Magier unter ihnen gegeben hat.

Sprachkenntnisse

Die Hunfrirsi sprechen eine sehr komplizierte Sprache, die hauptsächlich aus Konsonanten besteht. Hier einige Regeln zur Aussprache des Hunfrirs: das R. wird gerollt. Die jeweils drei Konsonanten bilden eine Silbe. Die Betonung liegt immer auf der ersten und auf der vorletzten Silbe eines Wortes. Die betonten Silben werden lange gesprochen. Grundsätzlich sind alle Vokale tief, offen und gutural zu sprechen. Außer ihrer eigenen Mundart beherrschen viele Hunfrirsi die Sprache der Riesenhornissen, der Riesenwespen und einige die allgemeine Sprache.

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