Die mythische Jugend des Brand Hjorvard

Eines dunklen Winterabends, ich hätte längst zuhause bei meiner Frau Bera Herthjol sein sollen, ging ich durch die von schneebedeckte Weite des Silberlandes im äußersten Nordosten des roten Landes. Die Jagd war nicht von Erfolg gekrönt und ich wollte nicht mit leeren Händen an meinen Herdfeuer zurückkehren. Ich war in Gedanken versunken, wie ich es meiner allerliebsten Bera erklären sollte, dass es wieder kein Fleisch zum Essen gab, als ein Geräusch an mein Ohr drang, das ich in dieser von meter tiefem Schnee bedeckten Landschaft nicht erwartet hätte. Es war – das Schreien eines Kindes. Ich ging den Lauten nach, zu überhören waren sie wahrlich nicht, obwohl ein eisiger Ostwind blies und mir immer wieder die Sicht nahm. Doch nach einiger Zeit langte ich bei einem kleinen Korb an, der auf einer Schneewehen lag. Ich suchte rundherum, ob ich Fußspuren finden könne, doch es war Nichts zu finden. Das Kind musste also schon eine ganze Weile hier liegen und schreien. Um so erstaunlicher, dass es noch lebte, denn es war nur in eine dünne Decke gehüllt. Ich hob den Kopf auf und ging mit ihm nach Gönheim zurück. Mittlerweile war es richtig dunkel geworden, es war also nicht einmal mehr das Dämmerlicht da, welches die Tage des Winters spärlich zu erhellen pflegte. Dank der Dunkelheit dauerte es volle zwei Stunden, bis ich endlich in meiner Heimat anlangt.

Ich stürzte zur Tür hinein und fand meine liebe Frau in Tränen aufgelöst auf mich zu stürzen. „Oh, du lebst, ich fürchtete schon, ihr sei etwas zugestoßen auf der Jagd!“ Ach ja die Jagd, doch da fiel mir das Kind wieder ein, dass ich im Arm trug. So zeigte ich Bera also das Kind und erzählte ihr die ganze Geschichte. Kaum war ich damit fertig, lief sie hinaus und rief, „Wir haben ein Kind! Wir haben ein Kind!“ Björnward unser Häuptling kam, um zu fragen, was es mit diesem Kind auf sich habe. Als ich auch ihm die Geschichte erzählt hatte, rief er: „Das muss gefeiert werden!“ das folgende Fest konnte üppiger nicht sein, es gab Fleisch, Brot, Bier und Met, dass die Tische sich bogen und das Essen und Trinken war von Aufrufen begleitet, wie „Jetzt es unser alter Thorir Herthjol noch einmal Vater“ oder „Wer ist denn die Mutter?“. Doch auf einmal wurde es ganz still auf dem Fest, man hörte nur noch das Knistern der Fackeln und den eisigen Wind, der um das Langhaus strich. In dieser Stille sagte unser heiliger Mann, dem ich soeben die Geschichte erzählt hatte:“Du trägst jetzt eine große Verantwortung, Thorir Herthjol. Sorge für das Kind wie für dein eigenes. Die Göttin Katrina selber hat es dir in den Schnee gelegt. Ein normales Kind hätte keine Viertelstunde überlebt in der Kälte da draußen.“ Ich musste mich an meine Methorn festhalten, ich war jetzt über 60 und auch wenn ihr es nicht glaubt, das ist schon sehr alt. Ich konnte nicht glauben, was sich da hörte. Benommen ging ich nach Hause, um nachzudenken. Das Fest ging noch bis in den Morgen, doch ich saß da und dachte über dieses Kind nach. Warum ich? Es gab stärkere, klüger und geschickter der Männer als mich im Dorf. Da drang eine Stimme an mein Ohr. Ich sah mich um, doch außer einem Raben, der am Fenster saß, konnte ich niemanden sehen:“Nenne das Kind Brand Hjorvard und sorge gut für meinen Nachkommen. An seinen 20. Geburtstag lass ihn jedoch in die Welt hinausgehen, dass er ein Mann werde, der seiner Mutter Ehre mache.“

Ich nannte das Kind Brand Hjorvard und fünf Jahre später begann ich damit, ist in den Künsten zu unterrichten, die man beherrschen muss, um in der Welt zu überleben. Doch schon nach zwei Jahren musste ich einsehen, dass es nichts gab, was sich dem Kind noch beibringen könnte. Er schlug mich in jedem Schwertkampf, rannte schneller als ein Wolf und länger als ein Elch. So suchte ich die besten Krieger in unserem Dorf und bat sie, „meinem“ Sohn ein Lehrer zu sein. Nach den Worten des heiligen Mannes damals bei dem Fest war es ihnen eine Ehren. Den Schwertkampf erlernte er bei Hrolf dem Schädelspalter und die körperliche Tüchtigkeit bei dem langbeinigen Tryfing. Schon bald tauschte er das Holzschwert gegen ein kleines Schwert aus Erz ein. Er ging mit dieser Waffe wahrhaft meisterlich um und wurde schon in jungen Jahren ein geachteter Jäger. Bögen und Fallen verachtete er. Brandt tötete seine Beute mit dem Schwert oder der bloßen Hand.

Zu Vögeln schien er eine besondere Beziehung zu haben, nie stellte er ihnen nach und einmal sah ich, wie ein Rabe kam und eine Kette mit einem silbernen Amulett daran im Schnabel trug. Raben sich als diebisch bekannt, doch dieser, ein besonders großer und schwarzer Vogel, flog geradewegs zu Brand, der in unserem Runenkreis auf ihn zu warten schien, und ich die Kette in dessen Hände fallen. Seit diesem Tag habe ich Brandt nie ohne diese Kette um den Hals gesehen. Er wollte mir aber nicht sagen, was es mit dieser Kette auf sich habe. Überhaupt kam er mir nach dieser Begebenheit viel entschlossener und erwachsener vor, als habe er die Kindheit abgelegt, als er sich die Kette umhing.

Mit seinem 16. Lebensjahr legte dieser Brand, der nun immer weniger mein Sohn und immer mehr ein Fremder war, das kurze Schwert ab und begann ein Zweihändiges zu führen, dessen Griff in einer Verzierung endete, die aussah wie das Amulett um seinem Hals trug. Brand wurde ein geachteter Krieger und brachte reiche Beute mit sich. Er behielt nichts von dem, was er mitbrachte, sondern gab alles Bera und mir, nur einen kleinen Teil gab er jedes Mal den heiligen Mann. Inzwischen nannte er mich auch nicht der Vater, wie es früher getan hatte, sondern nannte mich beim vollen Namen, wie es ein Fremder tut: Thorir Herthjol.

Eines Nachts einige Jahre später führte ich wieder die Stimme, die ich in der ersten Nacht hörte: „Es ist an der Zeit, du wirst meinen Sohn nicht wieder sehen.“ Und tatsächlich, als ich in seiner Kammer nachsah, war nichts mehr von ihm zu sehen, ich bemerkte gerade noch, wie ein Rabe davon flog und in der dunklen Nacht verschwand.

Am nächsten Morgen sagte ich Björnward, Brand sei nicht mehr da und damit war die Angelegenheit für die Dorfgemeinschaft erledigt. Ich muss sagen, ich war nicht einmal sehr traurig, als Brand nicht der da war, es war anders als bei meinen eigenen sieben Kindern. Brand Hjorvard und ich waren in den letzten vier Jahren immer mehr Fremde geworden. Trotz alledem wünsche ich Ihnen Glück, wo immer er sein mag, dass Katrina ihm beistehen wird, braucht man ihn glaube ich nicht zu wünschen.

Ich schreibe gerade Euch Aritreel diesen Brief, da ich weiß, dass ihr solche Geschichten liebt und sie versteht.

Diesen geheimnisvollen Brief erhielt ich von nunmehr fünf Jahren von meinem Freund Thorir Herthjol. Er ist inzwischen in dem für Menschen ausgesprochen segensreichen Alter von 84 Jahren verstorben. Nun drängt es mich, diesen Brand Hjorvard kennen zu lernen. Wenn er ihn also auf einen zahlreichen Reisen finden sollte, so lasst mir bitte eine Nachricht zukommen.

Aritreel de Tral
königlicher Archivar