Orktuga

Gerbotho Halman war der Schreiber eines reichen Kaufmanns aus Morgenstadt. Er empfand es zunächst als eine große Ehre und einen hohen Vertrauensbeweis, dass sein Dienstherr ihn auf eine Einkaufsreise nach Kunasch schickte, wo er in dessen Namen eine halbe Schiffsladung an Gewürzen und anderen exotischen Waren einkaufen sollte. Doch auf der Rückreise nach durchaus erfolgreichem Handeln sollte sich sein Leben ein für alle Mal ändern. Heute ist er jemand ganz anderen Schreiber, doch lest selber, wie es dazu kam:

Wir waren schon lange auf dem südlichen Ozean unterwegs. An der Küste von Kunasch hatten wir die Laderäume unserer Schiffe mit einer Vielzahl exotischer Gewürze gefüllt und waren nun auf dem Weg zurück nach Morgenstadt. Der Verkauf der Ladung würde uns alle eine beachtliche Menge Gold einbringen, so dass sich die insgesamt zweijährige Fahrt gelohnt haben würde.

Unsere kleine Flotte mit immerhin fünf guten und schnellen Schiffen machte mit achterlichem Wind gute Fahrt so dass wir bald die Küste der freien dai’wanischen Stämme erreicht hatten. Die nördliche Passage durch die Gewässer von Atlantane erschien unseren Kapitänen zu unsicher, da die Bewohner zwar insgesamt als friedlich gelten, aber doch hin und wieder ihr Seegebiet streitbar verteidigen. So entschieden sie, den Kurs durch den optischen Gürtel zu setzen. Unsere Schiffe waren schnell und gut bewaffnet, unsere Mannschaft, unter ihnen viele Orks, gut ausgebildet. So glaubten sie, mit jeder Gefahr umgehen zu können oder im schlimmsten Fall, ihr davon singen zu können.

Die erste Zeit schien dieser Plan auch aufzugehen. Obwohl wir die Inseln schon erreicht hatten und sich hin und wieder orkische Schiffe am Horizont zeigten, machten sie doch immer wieder kehrt, ohne unserer kleinen Flotte allzu nahe zu kommen. Nach ungefähr zwei Wochen jedoch verließ uns unser Glück. Die Kapitäne hatten extra einen südlicheren Kurs gewählt, der uns nicht allzu nahe an Orktuga heranführte, doch eines Mittags schlief der Wind ein und wir lagen mit schlaffen Segel auf einer spiegelglatten See. Und dann sahen wir es. Von Norden her näherten sich quälend langsam drei orkische Schiffe, allesamt Dreimaster mit übertakelten Masten und schlanken Rümpfen, die noch die leichteste Brise ausnutzen konnten. Die Zeit verging bis fast vor Sonnenuntergang. Die drei Schiffe kamen näher und näher ohne dass wir irgendetwas hätten tun können. Unsere schwer beladenen Handelsschiffe lagen einfach zu tief im Wasser. Die Kapitäne berieten, was zu tun sei. Zunächst erschienen drei Schiffe nicht allzu viel und unter dem Einfluss der mitreisenden Händler, die um ihre Waren fürchteten, fiel bei der Entschluss, sich nicht kampflos zu ergeben. Je näher die offensichtlich feindlichen Schiffe kamen umso besser konnten wir die Masse an Mannschaft auf den Decks unter den schwarzgefärbten Segeln erkennen. Den weniger mutigen oder vielleicht auch den Vernünftigeren unter uns wurde klar, dass ein Kampf schlecht für uns enden würde. Doch die Furcht vor dem Verlust der Ware und damit dem Ruin für einige war größer.

Auf Rufweite herangekommen, forderte ein Anführer der Orks uns in einer von seinem merkwürdigen Akzent gefärbten Sprache auf, uns ergeben. Die Kapitäne lehnten ab. Die Orks, sich offensichtlich ihrer Übermacht bewusst, beschlossen, unsere Schiffe zu schonen. Immerhin hätten sie ansonsten ihre Beute schmälern können. Sie verzichteten also auf jede Art von schwerem Beschuss, obwohl ihre Schiffe geeignete Waffen hierfür mitführten. Wir hingegen schossen einige Pfeile auf sie ab, die jedoch wenn überhaupt keinen erheblichen Schaden unter ihrer Mannschaft anrichtete. Schon bald flogen die ersten gut gezielten Enterhaken zu uns herüber, verkeilten sich in den Bordwänden unserer Schiffe und besiegelten unser Schicksal. Der Kampf auf unseren Decks war kurz, blutig und einseitig. Man muss den Orks auf unserer Seite zugutehalten, dass sie tapfer kämpften und nicht die Seiten wechselten. Diese Treue zu ihrem jeweiligen Schiff habe ich auch in der Zukunft immer wieder erleben können. Sie kämpfen eher bis zum Tod, als ein Schiff oder ihre Mannschaft zu verraten.

Die wenigen Überlebenden unserer Mannschaften wurden gefangen genommen, in Eisen gelegt und in die Zwischendecks gesperrt. Die Orks ließen Mannschaften zurück, die kleiner waren als unsere, aber unsere Schiffe nachdem wieder Wind aufgekommen war mühelos mit den anderen zusammen nach Norden segelten. Wir alle ahnten, wohin uns der Weg führen würde und keiner konnte sich vorstellen, dass es einen schlimmeren Ort in diesen Gewässern geben könnte. Das Ziel war – Orktuga!