Wie ich fast ertrank und dann in einem Traum erwachte

Wir waren schon lange auf dem Meer unterwegs. Ein Tag war wie der andere, die See war ruhig und die orkische Mannschaft führte das Schiff mit der selbstverständlichen Sicherheit ihres Volkes.

Wir waren vor drei Wochen in Morgenstadt aufgebrochen und weil mein Onkel ein große Ladung Lederwaren und „Werkzeuge“ an Bord hatte, die er in Taskerat gewinnbringend zu verkaufen gedachte, begleitete ich die Reise.

Als Passagier hatte ich keine rechte Aufgabe auf dem Schiff, so saß ich die meiste Zeit am Bug und blickte auf das Meer. Von Zeit zu Zeit begleiteten große Fische das Schiff, die in unserer Bugwelle sprangen um dann wieder in der Weite der See abzutauchen. Und trotzdem sah der orkische Ausguck im Mast vor mir.

Es begann mit einem Schäumen auf der ansonsten ruhigen See wie von einem riesigen Strudel. Daraus brach ein riesiges Wesen hervor, Halb Drache halb Schlange. Der Körper war ganz mit grünen Schuppen bedeckt, von denen das Wassen in Kaskaden abfloss, als es aus dem Meer schnellte. Der besorgte Blick der Mannschaft verriet mir, dass es wohl kaum die sagenhafte Seeschlange war, die sie anbeteten.
Viel Zeit, das riesige Maul mit den schwertlangen unzähligen Zähnen anzusehen, hatten wir nicht. Das Wesen brach mittig durch das Schiff – Planken splitterten – das erste mal in meinem Leben hörte ich Orks vor Angst schreien. Das Schiff oder dessen Reste sanken in Minuten.

Das Letzte, an das ich mich erinnerte, war, wie ich langsam vom Blau des Meeres umgeben nach unten sank. Trümmerteile, Landungsstücke und Teile der Mannschaft sanken wie in Trance an mir vorbei. Mein letzter Gedanke galt Jimaldi, die ich nach meiner Rückkehr heiraten wollte. Dann wurde es dunkel.

Ich erwachte in einer Art Blase in Mitten des weiten Blaus des Meeres. Das Atmen fiel mir leicht oder vielleicht brauchte ich in meinem Zustand auch keinem Atem mehr. Auch mein Gewicht belastete mich nicht mehr. Ich konnte mich schwerelos in jede Richtung bewegen. Und dann sah ich sie:

Eine schwimmende Kutsche oder mehr ein Schlitten in leuchtenden irgendwie fluoreszierenden Farben. Gezogen wurde die Kutsche schon vier großen, türkis glimmenden Seepferden. Der Kutscher war ein großer velenisch aussehender Mann von erhabener Schönheit. Ein zweiter von ihnen schob mich mitsamt dieser Blase, die mich umgab, zur Tür der Kutsche. Ich glitt hinein. Der Raum im Inneren hätte leicht sechs Personen Platz geboten, doch ich war allein. Obwohl die Fenster rundherum offen zu sein schienen, drang kein Wasser ein und ich konnte atmen, als wäre ich aus der Dachterrasse meines Hauses.
Sollte ich den sagenhaften Atlantanern begegnet sein?

Ohne, dass sie ein einziges Wort an mich gerichtet hätten, wendete der Kutscher das Fahrzeug während sein Begleiter hinten aufstieg. Ich blieb im Inneren alleine. Die Reise führte in immer größere Tiefen und es wurde langsam dunkler. Obwohl die Umgebung in keiner Weise dazu angetan war, fühle ich mich geborgen und angstfrei.

Nach ein paar Stunden war es als würden wir aus der Dämmerung der Nacht in einen schimmernden Morgen kommen. Das Licht ging von unzähligen leuchtenden Korallen, Schwämmen, Fischen und anderen Meeresbewohnern aus über die wir langsam hinweg glitten. Hier und da schwamm einer der Atlantaner durch diese phantastische Landschaft. Einige von ihnen schienen etwas vom Grund zu sammeln, andere hüteten Schwärme von leuchtenden Fischen. Auch wenn es mehr danach aussah, als würden sie sich mit ihnen unterhalten.

Und dann sah ich sie da erste mal: In einiger Entfernung etwas unter uns lag von dem vielfarbigen Glimmen beleuchtet eine goldene Stadt unter einer weiten Kuppel auf dem Meeresgrund – Atlantane!

Wir schwebten in einer weiten Schleife über die Kuppel der Stadt. Ich sah von oben auf eine Menge filigraner, golden schimmernder Häuser. In der Mitte erhob sich ein schlanker Turm, dessen Spitze fast die Kuppel an ihrer höchster Stelle berührte. Die ganze Stadt war von unzähligen Lichtern in den verschiedensten Farben erhellt.

Die Kutsche landete in einer Art Hafen. An einigen Stegen lagen Handelsschiffe, die fast aussahen wie die, die ich von der Wasseroberfläche kannte. Nur dass diese eine Kuppel über ihrem Deck hatte, die wie eine kleine Version derer über der Stadt aussah.
Meine beiden Retter sprachen mich das erste Mal an. Sie heißen mich in der Stadt willkommen und erklärten mir, dass ich ihre Gastfreundschaft so lange genießen könne bis ich mich wieder nach der Oberfläche sehnen würde. Sie brachten mich in ein Haus in der Nähe des Hafens und erklärten, dass es das einzige Gasthaus der Stadt sein.  Semis Arquië die Wirtin freute sich über ihren neuen Gast. Menschen hat sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Über die Bezahlung sollte ich mir keine Gedanken machen. Die Stadt käme für Schiffbrüchige auf.

So verbrachte ich die nächsten Tage damit, mir diese wundervolle, exotische Stadt anzusehen. Und was es da nicht alles zu sehen gab:
Die Atantaner sind ein höfliches und freundliches Volk. Viel von ihrem Leben spielte sich im Freien ab. Sie saßen zusammen, aßen, tranken und unterhielten sich. Ich weiß nicht genau, ob sie wie wir ihren Lebensunterhalt verdiene müssen, aber wenn dem so ist, dann scheint es nicht viel Zeit in Anspruch zu nehmen.
An mir waren alles interessiert aber nie aufdringlich. Es gab Läden, in denen Dinge zu kaufen waren, die für uns alltäglich und hier exotisch sind und Läden, in denen Dinge zu kaufen waren, die ich noch nie gesehen hatte, die hier aber ganz normal zu sein schienen.

Auf einer vorgegebenen Strecke, die für mich allerdings immer verwirrend blieb, konnte man mit einer Art Zug durch die Stadt fahren. Die Wagen, in denen man sich auf Bänken gegenüber saß, wurden von einer großen Schnecke gezogen, die in den verschiedensten Farben glomm und eine dünne Spur aus purpur glitzerndem Schleim hinterließ. Die Schnecke war schneller, als man bei diesen Tieren erwarten könnte. Die Benutzung ist kostenlos und die Bewohner der Stadt nutzen sie gerne.

Auf einer meiner vielen Rundgänge kam ich in die Nähe des Palasts in der Mitte der Stadt. Dort auf einem Balkon etwa in halber Höhe unter der leuchtenden Spitze stand die wundervolle Prinzessin Alessia begleitet nur von ihrem Leibwächter Cogan, einem 2,30m großen Krebsmenschen, er sie nie aus den Augen lässt wie sich die Leute erzählen.
Die Prinzessin ist von einer so beeindruckenden Präsenz, voller Schönheit und Güte, dass ich es noch unten auf dem Platz spürte. Und auch von den Bewohner der Stadt ging keiner vorbei, ohne kurz stehe zu bleiben und sie anzusehen.
Nach ein paar Augenblicken ging sie hinein und der Moment war vorbei. Vergessen werde ich ihn wohl nie.

Irgendwann fühlte ich mich trotz der Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, die mich umgab, allein hier unten. Ich bat darum, an die Oberfläche gebracht zu werden und einige Tage später brachte mich eines der Handelsschiffe in eine verborgene Bucht in der Nähe von Choliska. Ich bedankte mich aus tiefstem Herzen und trat den langen Rückweg nach Morgenstadt an.
Ich habe inzwischen geheiratet und habe die Nachfolge meines Onkels in seinem recht erfolgreichen Handelskontor angetreten. Insgesamt führe ich an glückliches Leben. Doch immer, wenn ich auf das Meer hinausblicke, beschleicht mich ganz hinten in meinem Kopf eine wage Sehnsucht nach dem Meeresgrund und der wunderbaren Prinzessin.

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